Hier dann der Spruch des Tages oder Wichtige Info!

 

Rede von Prof. Dr. Wolfgang Wippermann am 27. November 1998 anläßlich der
Einweihung des Guernica-Platzes in Berlin-Zehlendorf

“Gernika wurde nicht berühmt, weil es bombardiert wurde; Gernika wurde bombardiert, weil es berühmt war”, hat Eduardo Vallejo einmal gesagt.

Ein ebenso richtiger wie wichtiger Satz. Gernika ist eine kleine, aber bedeutende Stadt. Sie gilt als Heilige Stadt der Basken, als Zentrum des Baskentums, als Symbol der nationalen Geschichte. Hier an bzw. unter der Eiche von Gernika befand sich ein uralter Versammlungsort der Basken. Hier liegen die Wurzeln der baskischen Demokratie, einer sehr alten Demokratie. Genau wie die Basken insgesamt ein sehr altes Volk sind.

Gerade deshalb haben sich auch die Deutschen für die Basken interessiert. Und sie taten dies schon sehr früh. Deutsch-baskische Kulturbeziehungen sind fast 200 Jahre alt. Sie begannen mit der berühmten Reise Wilhelm von Humboldts ins Baskenland.

Was fasziniert die Deutschen so an den Basken? Weil die Basken das sind, was die Deutschen gerne wären und vorgeben zu sein, nämlich wirklich ein altes, ja ein uraltes Volk. In den Basken sahen und sehen die Deutschen das Alte, das Ursprüngliche schlechthin. Es gibt hier sehr merkwürdige, fast schon romantisch anmutende Aspekte.

Die besondere Bedeutung Gernikas war der Führung der Legion Condor vermutlich bekannt, als sie im April 1937 den Angriff auf diese Stadt befahl. Mit Sicherheit wußte das Oberkommando der spanischen aufständischen Truppen unter Franco über die Bedeutung Gernikas.

Dem Angriff lagen neben militärischen auch, ja vor allem politische und psychologische Motive zugrunde. Man wollte mit Gernika die Moral der Basken treffen. Luftangriffe, die die Moral der Bevölkerung treffen sollten, haben die Deutschen später “Terrorangriffe” genannt.

Und die Bombardierung Gernikas am 26. April 1937 war ein solcher “Terrorangriff”. Es war das erste Flächenbombardement auf eine ungeschützte Stadt weit im Hinterland des Feindes, wodurch der Begriff Hinterland seinen Sinn verlor.

Zum ersten Mal in der Geschichte, bzw. Kriegsgeschichte, denn Geschichte ist keineswegs nur eine Geschichte von Kriegen, wurde ein derartiges Flächenbombardement durchgeführt und die dabei entwickelte Technik erprobt. Sie bestand darin, daß in mehreren “Wellen” zunächst Spreng- dann Brandbomben geworfen wurden, wobei noch zusätzlich Tiefflieger mit Maschinengewehren auf alles schossen, was sich noch bewegte.

Die geschätzte – genaue Zahlen konnten und sollten auf Befehl der Frankisten nicht ermittelt werden – liegt bei fast 1.000 Toten. Die Stadt selber wurde nahezu vollständig zerstört.

Dies ist das Ergebnis: Die Zerstörung einer Stadt und die Ermordung von mehreren Hundert Menschen. Dieses Ergebnis ist unbestritten. Das ist historische Tatsache. Und daran ändern auch die verschiedenen Entschuldigungs- und Rechtfertigungsversuche nicht. Dies hat man übrigens viel später versucht. Zunächst haben sich die deutschen Flieger nach der Eroberung Gernikas am Boden angesehen, was sie dort angerichtet hatten. Und sie waren stolz auf ihre Tat. Dies weiß man aus Erinnerungsberichten. Und mehr weiß man über die deutschen Reaktionen nicht, weil das Archiv der Legion Condor vernichtet wurde.

Um so mehr weiß man über die Reaktion der Welt. Sie war entsetzt. Dieses Entsetzen war parteiübergreifend, d.h. wurde auch von solchen Zeitgenossen geteilt, die, aus welchen Gründen auch immer, den Putsch Francos und die Intervention Deutschlands und Italiens in den Spanischen Bürgerkrieg, der damit den Charakter eines europäischen Krieges gewann, begrüßt hatten. Verschiedene Zeitgenossen erkannten, daß Gernika den Beginn eines neuen Zeitalters bedeutete, eines Zeitalters der Barbarei. Picasso hat diese Erkenntnis künstlerisch am besten zum Ausdruck gebracht.

Auf Gernika 1937 folgte Warschau 1939, Rotterdam und Coventry 1940, Belgrad 1941. Und jeder Luftangriff erforderte mehr Opfer als der vorherige. Der vorläufige Höhepunkt war Belgrad. Dann – nach Gernika, Warschau, Rotterdam, Coventry und Belgrad – folgten Lübeck, Hamburg und weitere deutsche Städte – zuletzt Dresden.

Doch am Anfang war Gernika. Gernika – die Stadt und Picassos Bild – erhielten im kollektiven Gedächtnis der Völker einen festen, einen tragischen Platz.

Dies war bei fast allen Völkern so. Nur bei den Opfern und bei den Tätern war es anders. Den Basken wurde es in der Franco-Diktatur geradezu verboten, an Gernika zu erinnern, obwohl die Spuren der Bombardierung in Gernika selbst nicht vollständig beseitigt wurden und beseitigt werden konnten. Doch öffentlich reden und klagen durfte man nicht.

In Deutschland hätte man dies tun können und vielleicht auch sollen. Und in Ostdeutschland war dies auch der Fall. Allerdings schob man die Verantwortung für den deutschen Terrorangriff auf Gernika dem zweiten deutschen Teilstaat zu. Und dies war ein Grund, aber keine Entschuldigung, daß sich die Westdeutschen so lange weigerten, Gernika auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Für diese völlige “Unfähigkeit zu trauern” war aber nicht nur die Instrumentalisierung Gernikas durch die Propaganda der DDR verantwortlich. Hinzu kamen außenpolitische Kalküle. War doch der ‘zweite Täter’ – Franco – von einem allseits verachteten faschistischen Diktator in einen geachteten Bundesgenossen der freien Welt im Kampf gegen den gottlosen Kommunismus mutiert. Gernika hätte dieses gereinigte Geschichtsbild gestört.

So kam es, daß der deutschen Opfer der Luftangriffe gedacht wurde, ohne an Gernika und den Beginn dieser Angriffe zu verweisen.

So kam es, daß Picassos Gernika-Bild zwar vielfach abgedruckt und bewundert wurde, das real existierende Gernika dagegen nicht zum Gedenkort wurde.

Man fuhr lieber nach Mallorca.

Die beiden Kirchen hüllten sich in Schweigen, und zwar sowohl über Gernika wie über ihr Verhalten während des Spanischen Bürgerkrieges, in dem sie eindeutig Partei ergriffen hatten, und zwar für Franco. Die Katholische Kirche hatte sogar die nun wahrhaft mittelalterliche Kreuzzugsidee revitalisiert und zu einem “Kreuzzug” gegen die gewählte und legitime Regierung der spanischen Republik aufgerufen.

Eine Institution hat sich bei dieser allgemeinen Verdrängung Gernikas und des Spanischen Bürgerkrieges generell besonders hervorgetan. Und dies war die Bundeswehr. Sie beharrte nicht nur auf der Legende von der “sauberen Wehrmacht” im allgemeinen, der geradezu blütend weiß sauberen Luftwaffe im besonderen, sie schuf eine neue Legende – die Lüge vom großen Versehen. Dies war neu. Die Legion Condor selber hat ihre Tat niemals geleugnet. Dies taten bundesdeutsche Militärs und Militärhistoriker, die allen Ernstes behaupteten und immer noch behaupten, daß man doch eigentlich nur eine Brücke habe treffen wollen. Hat man aber nicht! Die – übrigens nur etwas mehr als 10 Meter breite – Brücke wurde nicht zerstört. Dafür jedoch die ganze Stadt. Ein “Terrorangriff” aus Versehen? Und wenn es wirklich “nur” ein “Versehen” gewesen sein sollte – das Verbrechen bleibt damit bestehen. Und dieses Verbrechen ist nicht gesühnt.

Es wäre wirklich zu wünschen, wenn sich die Bundeswehr dazu entschließen würde, die Legion Condor aus dem Kanon ihrer sogenannten Traditionspflege zu streichen. Kasernen der Bundeswehr sollten wirklich nicht nach Offizieren der Legion Condor benannt werden.

Doch lassen wir dies. Es gibt auch Positives zu berichten.

Nach der Aktion Sühnezeichen, die Gedenkstättenfahrten nach und Gedenkstättenarbeit in Gernika veranstaltete, hat auch die deutsche Friedensbewegung, die heute bereits Geschichte geworden ist, Gernika erinnert. Es waren jedoch kleine Gruppen in Pforzheim, in Wunstorf und auch in Berlin, die Gernika nicht vergessen konnten und wollten. Ihre Bemühungen zeigten Wirkungen. Letztes Jahr hat Bundespräsident Herzog zum 60. Jahrestag der Bombardierung Gernikas in Gernika einen Brief verlesen lassen, in dem er sein Bedauern über das Geschehene ausdrückte.

Heute können wir einen weiteren kleinen Erfolg melden. Die Namensgebung eines ganz kleinen Platzes nach Gernika. Er befindet sich an der Spanischen Allee, die ihren Namen 1939, vor 59 Jahren, wegen des Einsatzes der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg erhalten hat. Der Gernika-Platz erinnert an die Verbrechen dieser Legion Condor – und an Gernika. Beides ist wichtig und kommt aus zwei Gründen zur rechten Zeit:

Einmal weil sich bei uns die Stimmen derjenigen mehren, die den berühmten Schlußstrich fordern und unsere Geschichte “normalisieren” wollen. Doch Gernika war nicht ‘normal’, daher ist der Gernika-Platz ein Stolperstein auf dem Weg ins Vergessen.

Der Gernika-Platz kann und soll jedoch auch ein Anstoß dazu sein, die deutsch-baskischen Beziehungen zu vertiefen. Wir -Deutsche und Basken- leben nun einmal in einem gemeinsamen Haus, genannt Europa. Es ist ein großes Haus, das aber nicht so groß ist, daß man sich nicht kennen und grüßen sollte. Ich begrüße noch einmal recht herzlich unsere baskischen Gäste und fordere Sie, meine Damen und Herren, auf, das baskische Zimmer in diesem europäischen Haus zu besuchen, wobei Sie an Gernika nicht vorbeigehen sollten. Es ist wegen seiner Geschichte und Gegenwart ein lehrreicher Ort.

 

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